“Alles was fest ist, schmilzt in der Luft” (Marx). Wie Digitalisierung die Welt verflüssigt und wie wir darauf adäquat reagieren können.

Im Zuge der Digitalisierung lösen sich immer mehr feste Strukturen auf. Wir reagieren darauf mit Unsicherheit und Orientierungslosigkeit und lassen uns von der technischen Entwicklung die Zukunft diktieren. Was brauchen wir, um uns inmitten zunehmender Komplexität sicher zu fühlen und schöpferisch zu werden? Dieser Essay beleuchtet wie Außenwelt und Innenwelt zusammenhängen und wie wir durch inneres Wachstum neuen Handlungsspielraum bekommen.

joana breidenbach
20 min readNov 11, 2019

Dies ist ein Essay, in dem ich versuche Zusammenhänge, die mich seit langem beschäftigen in Worte zu fassen. Es handelt sich um einen Zwischenstand. Feedback und Kommentare sind daher besonders willkommen. Die Grundlage vieler Gedanken verdanke ich Thomas Hübl. In Gesprächen mit Ben Mason, Bettina Rollow und Stephan Breidenbach konnte ich meine Ideen weiterentwickeln. Sie alle haben maßgeblich zum Inhalt beigetragen und ich danke ihnen sehr.

Angst und Unsicherheit im Publikum

Bei den vielen Vorträgen die ich gebe, berührt mich eines sehr: junge Menschen (oft Männer), die im Anschluss auf mich zu kommen und mir von ihren Ängsten erzählen; vor der Karrierewahl, vor Beziehungen, vorm Leben. Aber auch erfolgreiche Manager gestehen, dass sie sich überfordert fühlen und gar nicht mehr wissen, wie sie den ständig wachsenden Ansprüchen an sich und ihre Unternehmen gerecht werden sollen. Andere wiederum wollen wissen, wie man Mitarbeiter dazu bekommt, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen, motivierter und innovativer zu werden. Die frag ich dann, ob es sein kann, dass sie sich auch überfordert fühlen und ihren eigenen Druck an die Belegschaft weitergeben.

Le Désespéré (Der Verzweifelte) 1843–1845, Selbstportrait von Gustave Courbet

Ich vermute, dass diese Themen bei mir landen, weil ich in meinen Vorträgen zu neuen Formen der Führung und Zusammenarbeit, sozialer Innovation und Sinnsuche, auch meine eigenen Ängste thematisiere. Meine Hypochondrie als Stachel und Ansporn für meine Leistungen präsentiere, über mein aufgewühltes Nervensystem spreche, aber auch wie Meditation, Therapie und Selbsterfahrung mir zu mehr Klarheit und Orientierung verhelfen.

Wenn gut gebildete, gesunde und sozial angesehene Menschen von unangenehmen Gefühlen wie Ängste, Scham oder Trauer nachhaltig überwältigt werden, kann das viele Ursachen haben. Vielversprechende Kandidaten sind die Kindheit und unser Elternhaus, in denen wir nicht adäquat gehalten und gespiegelt wurden. Mir scheint das auch die drohende Klimakatastrophe zur tiefen, subtilen Verunsicherung beiträgt. Wenn die wichtigste materielle Basis unseres Lebens, die Natur, ins Wanken kommt, muss das existentiell destabilisierende Folgen haben.

Mich interessiert jedoch besonders die Frage, inwieweit die digitale Transformation dazu beiträgt, dass Menschen sich verängstig und überwältigt fühlen. Keks Ackerman hat beschrieben, wie Digitalisierung mit einigen spezifischen Dynamiken einhergeht, die die Welt auf der existentiellen Erfahrungsebene verändern. Darunter fallen Entwicklungen wie Dezentralisierung und Tracking, Kollaboration und “Kognifizierung” (angelehnt an Kevin Kelly: die Verstärkung von allem mit künstlicher Intelligenz). Die digitale Dynamik, die mich am meisten fasziniert ist jedoch die der Verflüssigung. Feste Strukturen lösen sich auf, werden flexibler und fluider. Das hat, so möchte ich argumentieren, tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit und Identität.

Die Welt wird flüssiger

Blackground, Alberto Seveso

Das Internet besteht aus unaufhaltbaren Strömen von Inhalten in Echtzeit. Nicht nur entstehen täglich neue Websites, Plattformen und Anwendungen, sie verändern sich auch kontinuierlich. Wo wir früher von starren Produkten und festen Institutionen umgeben waren — vom Brockhaus, der Schallplatte oder CD, dem Reisebüro oder Steuerberater — leben wir heute eingebunden in sich kontinuierlich verändernde Systeme und Prozesse. Wir kommunizieren in Echtzeit via E-Mail, Slack, Skype und WhatsApp. Wir streamen Musik und Filme. Wir beziehen Nachrichten im Sekundentakt.

Die Verflüssigung greift weit in die analoge Welt hinein. Mit Diensten wie Amazon Prime, Zalando und Deliveroo gewöhnen wir uns an immer schnellere Warenlieferungen. Mit einer Mitgliedschaft bei Urban Sports kann ich alleine in Berlin über 800 sportlichen Aktivitäten nachgehen. Dauerte eine Überweisung von meinem Commerzbank-Konto ein paar Wochentage, überweise ich heute Geld mit einem Klick auf meiner Tomorrow-App in Echtzeit. Vormals feste Gegensätze lösen sich auf. Nicht nur die Protagonisten in Netflix Serien wie Sense 8 oder Transparent, sondern auch meine Freunde wählen zunehmend gleichgeschlechtliche Beziehungen oder entdecken ihre nicht-binäre Identität.

Digitalisierung verändert unsere Haltung zu Besitz: Durch 3D Druck können Objekte kostengünstig vor Ort erstellt und kontinuierlich verändert werden. Uber, Taxi Now und Coop erschaffen flüssige Marktplätze für Mobilität und machen das eigene Auto zunehmend überflüssig. Statt auf Reisen in Hotels zu übernachten, wohne ich jetzt meist in AirBnBs. Im Bewusstsein Kleider auf eBay oder Kleiderkreisel schnell weiterverkaufen zu können, oder sich diese über Plattformen wie Kleiderei leihen zu können, beschleunigt sich der Warendurchlauf.

Die Verflüssigung der Außenwelt macht sich auch in neuen Führungsstrukturen und Zusammenarbeitsmodellen bemerkbar. Im Zuge von New Work werden starre Hierarchien und feste Rollenbeschreibungen aufgelockert oder ganz aufgelöst. So haben wir in meinem Unternehmen, dem betterplace lab, eine radikale Form der Selbstorganisation eingeführt, bei der es keine Chefs und Managementpositionen mehr gibt. Stattdessen bilden Teammitglieder kompetenzbasierte Hierarchien, die sich je nach Aufgabe formieren und wieder auflösen, um für die nächste Aufgabe sich wiederum neu zusammenzusetzen.

Indem die digitale Welt Informationen auf Einsen und Nullen reduziert, können diese auf ihre kleinsten Einheiten reduziert werden. Die Welt wird dadurch extrem teil- und wandelbar. Prinzipiell kann alles mit allem kombiniert und ausgetauscht werden; zum Beispiel Reputation für Geld, Wissen für Aufmerksamkeit. Die Formbarkeit von Bits und Bytes verändert unseren Erfahrungshorizont und unsere Erwartungshaltung: wir gewöhnen uns an ein fortwährendes Beta und ständige Updates. Digitale Technologien setzen damit den Trend der Moderne fort, den Marx und Engels als „all that is solid melts in the air“ so treffend beschrieben haben.

Derart verflüssigt wird die Welt viel schneller. Im Jahr 1500 waren Segelboote die schnellsten Verkehrsmittel. Heute legt ein Jet die gleiche Strecke in einem Fünfzigstel der Zeit zurück. Gemessen an den jeweiligen Transportgeschwindigkeiten hat sich die Welt also zwischen dem 16. Jahrhundert und heute um das Fünfzigfache verkleinert. Durch das Internet ist auch aber diese geographische und zeitliche Distanz aufgehoben worden. In keinem Bereich zeigt sich die Beschleunigung eindrucksvoller als auf dem Finanzmarkt. Betrug die Durchschnittsdauer, die eine Aktien von ihrem Besitzer gehalten wurde zu Ende des Zweiten Weltkriegs noch vier Jahre, so waren es im Jahre 2000 acht Monate. Der digitale Hochfrequenzhandel hat dazu geführt, dass 2011 eine Aktie durchschnittlich alle 22 Sekunden ihren Besitzer wechselte.

Adäquatere Annäherung an Realität

Die Welt, die uns mit der Digitalisierung begegnet — schnell, beweglich, in kontinuierlicher Veränderung begriffen — ist in vielerlei Hinsicht eine adäquatere Annäherung an die faktische Realität. Alles fließt - Panta Rhei. Dafür sprechen nicht nur die Erkenntnisse der Quantenphysik, der zufolge es keine „objektive“ Perspektive auf das Universum gibt, sondern alles kontextabhängig ist. Für die meisten von uns nachvollziehbarer sind andere allgegenwärtige Transformationen: Samen verwandeln sich in Bäume oder Nährstoffe für andere Pflanzen. Steine werden zu Sand. Alle zwei Monate produziert der menschliche Organismus eine neue Leber.

Aber obwohl wir uns theoretisch auf das Heraklit zugesprochene Diktum „Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen“ einigen können, scheint es für uns Menschen schwer mit dieser Verflüssigung zurechtzukommen. Statt die Zukunft pro-aktiv zu gestalten, fühlen wir uns orientierungslos und ängstlich. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich: manche halten an der Vergangenheit fest, laufen nationalstaatlichen Ideologien und autoritären Führern hinterher, die Ordnung verheißen, oder ziehen sich in die Familie zurück. Andere wiederum lenken sich ab und dissoziieren, beispielsweise indem sie sich in den übermäßigen Konsum von Fast Fashion, Computerspielen oder Substanzen flüchten.

Die entgrenzte und beschleunigte Welt braucht offensichtlich ein massives Update der Menschheit. Aber in welcher Form?

Transformation in verschiedenen Dimensionen

Transformation ist ein multidimensionales Unterfangen. Ken Wilber hat mit seinem Vier-Quadranten Modell die verschiedenen Dimensionen von Leben und Entwicklung anschaulich beschrieben. Demnach hat alles in der Welt eine äußere, sichtbare, sowie eine innere, erfahrene Seite. Zudem gibt es individuelle, als auch kollektive Phänomene. Transformationen, die nur in einem Quadranten stattfinden, können nicht nachhaltig sein, sondern produzieren Schieflagen und Pathologien.

Graphic von Keks Ackerman, basierend auf Ken Wilber’s AQAL, CC BY-NC 2.0

Wenn wir dieses Modell auf den Übergang vom industriell, nationalstaatlichen Zeitalter hin zur globale-digitalen Ära anwenden, wird deutlich, dass fast alle der oben beschriebenen, die Verflüssigung der Welt betreffenden Aspekte und Beispiele im kollektiv, äußeren Quadranten verortet sind.

Innerhalb dieses Quadranten können wir einigen Pathologien der digitalen Welt mit neuen Strukturen entgegenwirken. Ein Beispiel dafür sind gesetzliche Regeln und Standards. Diese können regressiv sein, indem sie versuchen die entstehenden Dissonanzen dadurch zu beseitigen, dass sie Komplexität reduzieren. Andere regressive Mechanismen versuchen die Entwicklungen zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Andere, in meiner Sicht adäquatere Ansätze versuchen neue Strukturen aufzubauen, die Komplexität beinhalten, aber deren Pathologien einzudämmen. Die verschiedenen Versuche der Europäischen Union der digitalen Informationsgesellschaft eine adäquate rechtliche Grundlage zu geben, bestehen aus sowohl regressiven, als auch progressiven Teilen.

Damit digitale Innovationen jedoch zu einer gesunden, inklusiven und nachhaltigen Gesellschaft und Erde beitragen, müssen sie von vergleichbaren Entwicklungen in allen anderen Quadranten begleitet werden. Damit Menschen nicht im Treibsand einer verflüssigten Welt untergehen, müssen sie ihre individuellen äußeren Kompetenzen und Verhaltensweisen (Quadrant rechts oben), ebenso wie ihre inneren Wahrnehmungen und Haltungen (Quadrant links oben) anpassen. Schlussendlich muss auch die kollektiv-innere, kulturelle Ebene (Quadrant links unten) umgestaltet werden.

Was stelle ich mir unter neuen individuell-äußeren Kompetenzen vor? Vor allem solche, die Menschen befähigen Komplexität adäquat zu navigieren.

Mehr ist anders — von kompliziert zu komplex

Seit der Aufklärung und wissenschaftlichen Revolution dominiert ein mechanistisches Weltbild, welches versucht das Ganze durch das Studium seiner Teile zu verstehen. Dem rational geprägten Weltbild verdanken wir viel; unsere materielle Lebensqualität ist so hoch wie noch nie zuvor. Zudem haben wir in den letzten Jahrhunderten ein beeindruckendes Wissen über die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Erde und des Universums angesammelt. Doch dieses Verständnis der Welt als rational verständliche Maschine stößt ab einem bestimmten Komplexitätsgrad an eine Grenze. Plötzlich sind Dinge nicht mehr nur kompliziert, sondern komplex. Während komplizierte Situationen vorhersehbar sind und mit Expertenwissen gesteuert werden können, verhalten sich komplexe Systeme nicht-linear, d.h. sie basieren nicht mehr auf vorhersagbaren Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung.

Der Unterschied zwischen komplizierten und komplexen Umfeldern wird in der Literatur oft verglichen mit dem Unterschied zwischen der Aufgabe einen Mann auf den Mond zu schicken und ein Kind zu erziehen. Die Mondlandung war eine hochgradig komplizierte Aufgabe, bei der sehr viele Experten ihr Wissen zusammentrugen und hochgradig komplizierte Maschinen bauten (Raketen, Abschussrampen, Kommunikationstechnologien etc.), die vorhersehbar funktionierten, solange sie gut gebaut und koordiniert waren.

In der Kindererziehung hilft Expertentum jedoch nur bedingt weiter. Da das Kind ein lebendiger Organismus ist, können Eltern und Erzieher nie wissen welche Handlungen welche Auswirkungen haben werden. Kindererziehung ist ein nicht-linearer und damit komplexer Vorgang. Im Optimalfall können Erwachsene nur das Eigenpotential des Kindes fördern, in dem sie aufmerksam auf es eingehen, bestimmte Impulse aufgreifen und Beziehungsangebote machen.

Wie Carl-Friedrich von Weizäcker sagt: „Vernunft ist die Fähigkeit ein Ganzes als Ganzes wahrzunehmen und es zu gestalten.“ Um das Ganze, um Systeme, zu erfassen und komplexe Entwicklungen im digital-globalen Zeitalter zu steuern, müssen wir wissen, wie Systeme funktionieren.

In komplexen Situationen gibt es nicht die EINE richtige Antwort. Die Beziehungen zwischen einzelnen Elementen eines Systems sind so vielfältig miteinander verwoben, dass wir keine einfachen kausalen Wechselwirkungen identifizieren können. Situationen sind fluide, unvorhersehbar und ständig in Bewegung. Neue Antworten entstehen dadurch, dass Menschen sich Einzelfragen im Zusammenspiel des größeren systemischen Kontextes anschauen. Sie wissen um grundlegende Ordnungsprinzipien, wie Feedbackloops und Beziehungsmuster, kennen die Dynamiken der Selbstorganisation und der Übergänge zwischen verschiedenen Systemphasen. Von Architekten, die auf dem Reißbrett ein neues Gebäude entwerfen, werden sie zu Geburtshelfern, die dem System immanenten Entwicklungen befördern und unterstützen. Basierend auf ersten Vorstellungen, entwickeln sie Prototypen oder MVPs und beobachten, wie das System auf diese Impulse reagiert. Politiker, Unternehmer und Künstler lernen innerhalb von Komplexität zu navigieren. Sie werden zu Ko-Kreatoren der Evolution und lernen Signale zu empfangen, in welche Richtung sich etwas entwickeln will.

Digitalisierung auf diese individuellen-äußeren Ebene erfordert deshalb vor allem: die Welt in ihrer Komplexität kognitiv adäquat wahrzunehmen, heißt die Eigenarten von zu Systemen verstehen.

Links: Zerlegter VW Golf 1988 Hans Hansen | Rechts: Vogelschwarm

Innerlich flüssig werden

Sind die eingangs beschriebenen Empfindungen von Überwältigung, Orientierungslosigkeit und Angst nun darauf zurückzuführen, dass wir zu wenig über komplexe Systeme wissen? Könnte ein intensives Seminar im systemischen Denken Menschen dazu befähigen, die digitale Transformation angemessen zu verstehen und zu gestalten?

Nein. Denn die zentrale Eigenart von komplexen Systemen ist es ja gerade, dass sie nicht vollständig intellektuell erfasst werden können. Vielmehr müssen wir in der Lage sein mit Nichtwissen umzugehen, es auszuhalten, dass Abläufe nicht linear und vorhersehbar sind. VUCA Zeiten, die von Volatilität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit) geprägt sind, verlangen uns ab, Stabilität und Sicherheit, Orientierung und Kreativität nicht mehr primär in der äußeren Welt zu finden (denn dort gibt es sie nicht mehr in ausreichendem Maß), sondern in unserem Inneren.

Wie hängen außen und innen zusammen?

Innen und außen hängen untrennbar zusammen. Denn wir können die Welt „da draußen“ nur durch unsere Filter „hier drinnen“ wahrnehmen. Mag die Außenwelt noch so vielschichtig, bunt und komplex sein; wenn ich nur einfache Strukturen und Farben sehen kann, dringt diese Realität nicht zu mir durch. Die Weltwahrnehmung jedes Menschen ist maßgeblich durch seine Sozialisation geprägt: Wir alle haben im Elternhaus, in der Schule, am Arbeitsplatz und vielen anderen sozialen Geflechten, bestimmte Werte, Normen und Glaubenssätze vorgelebt bekommen und diese verinnerlicht. Die im Laufe unseres Lebens empfangenen Impulse sind natürlich vielschichtig und widersprüchlich. Dennoch bilden sie für die meisten von uns einen halbwegs kohärenten Rahmen und Filter, mit dem wir die Außenwelt wahrnehmen.

Visualisierung: Florentin Aisslinger für Keks Ackerman, CC BY-NC 2.

In Zeiten der gesellschaftlichen Transformation verändern sich die Außenwelt, während die Innenwelt der meisten Menschen noch auf die „alte Welt“ eingestellt ist. Wir nehmen die Diskrepanz zwischen außen und innen meist als Irritation und Störung war. Irgendetwas hat sich verändert, wir verstehen aber nicht was.

Etwas Vergleichbares passiert momentan: bekannte Strukturen in der Außenwelt werden durch Digitalisierung und Globalisierung massiv verändert und — wie oben dargestellt — verflüssigt. Doch die äußeren Strukturen geben uns Sicherheit und Orientierung. Fallen sie weg, fühlen wir uns oftmals verängstigt, orientierungslos und unsicher und nehmen dies als Druck und Überforderung wahr.

Eine neue Balance zwischen Sicherheit und Wandel

Psychologen sprechen davon, dass Menschen zwei Basisbedürfnisse haben: Sicherheit und Zugehörigkeit auf der einen Seite, sowie Freiheit und autonomen Selbstausdruck auf der anderen.

Im Zuge der Verflüssigung werden sicherheitsgebende Strukturen reduziert. Die Balance kommt ins Ungleichgewicht und die potentiell neu gewonnene Freiheit macht uns nicht Freude sondern Angst. Um wieder in Balance zu kommen, müssen wir neue Sicherheit finden. Momentan sehen wir, wie viele Menschen versuchen in älteren äußeren Strukturen diese Sicherheit zu finden, ergo die Re-nationalisierung, Ausgrenzung und Diskriminierung von „Fremden“ und Rückkehr zu konservativen, patriachalen Familienmodellen.

Doch zu diesen Reaktionen gibt es eine Alternative. Sie besteht darin, im Inneren neue, zur neuen Realität passendere Strukturen und Kompetenzen zu erwerben und dadurch ein neues Sicherheitsgefühl zu finden. Statt im Außen Halt zu suchen, stabilisieren wir uns im Inneren.

Entwicklungspsychologen wie Robert Kegan haben dargelegt, wie Erwachsene psychologisch reifen. Sie beschreiben eine Sequenz bei der Menschen zuerst ihre Sicherheit und Orientierung in ihrer sozialen Gruppe (also im Außen) finden. Teenager und junge Erwachsene orientieren sich stark an ihrer Freundesgruppe, sie stabilisieren sich dadurch, dass sie von ihren Freunden und Gleichgesinnten anerkannt werden. In einem nächsten Entwicklungsschritt können Menschen aus dieser sozialen Konformität ausbrechen und Werte und Normen aus sich selbst heraus entwickeln. Nun sind es innere Faktoren, die der Mensch als für sich authentisch und stimmig ansieht, die sein Verhalten leiten. Er traut sich mehr aus der Gruppe herauszutreten und seine eigene Stimme zu entwickeln. Diese beiden Stufen bezeichnet Kegan mit „socialized mind“ und „self-authoring mind“. Ein weiterer Entwicklungsschritt ist der hin zu dem „self-tranforming mind“, d.h. eine Haltung, bei der Menschen eine größere Perspektive als die des eigenen Egos einnimmt und statt dessen die eigenen Interessen zu Gunsten größerer, gemeinwohlorientierter Ziele transzendiert.

Kegan schätzt, dass um die 58% der Erwachsenenenbevölkerung weltweit auf der Stufe des socialized minds sind, 35% ihren Schwerpunkt im self-authorizing Mind haben und gerade mal 1% zur Gruppe der Self-Transformers zählen (die restlichen Prozente fallen auf frühere Stadien). Auch wenn ich den vermeintlich exakten Zahlen misstraue, geben sie einen nützlichen Anhaltspunkt zur Verbreitung der verschiedenen Entwicklungsstufen.

Obwohl viele Psychologen diese, bzw. ähnliche Entwicklungsstadien identifiziert haben und davon ausgehen, dass Menschen im Laufe ihres Lebens von einer in die andere hineinwachsen können, wissen wir sehr wenig, wie psychologische Reifung wirklich funktioniert. Wie kommt es, dass manche Menschen sich von ihrer sozialen Umgebung emanzipieren? Was geschieht im Inneren, wenn meine eigenen Interessen und Befindlichkeiten nicht mehr mein ganzes Ich erfüllen, sondern ich mich stärker für andere interessiere und deren Perspektiven, Interessen und Bedürfnissen sogar den Vorrang vor meinen eigenen geben kann?

Den Innenraum vergrößern

Bewusstseinsforscher haben eine zentrale Dynamik innerhalb dieser Entwicklungssequenz identifiziert: die Fähigkeit sich selbst immer präziser wahrzunehmen und dabei immer mehr „inneren Raum“ zu schaffen, innerhalb dessen unterschiedlichste Sinneseindrücke und Bewegungen wahrgenommen werden können Der spirituelle Lehrer Thomas Hübl schreibt: „Jeder Schritt der Ausdehnung geht mit einer Änderung der Perspektive einher. Die Welt wird größer und mehr von Wirklichkeit kann in uns Platz nehmen und wir in ihr“.

Statt völlig mit dem eigenen Erleben identifiziert zu sein, können Menschen, indem sie lernen ihre innere Wahrnehmung zu schärfen, eine Distanz zwischen dem eigenen Innenleben und dem beobachtenden Bewusstsein aufbauen. So ist es ihnen möglich, sich selbst, eingeschlossen subtiler Veränderungen und Bewegungen, immer klarer wahrzunehmen.

Nehmen wir das aus der Psychologie bekannte „Eisberg-Modell“, dann sehen wir, dass unser sichtbares Verhalten nur einen kleinen Teil unseres „Selbst“ ausmacht.

Für die Außenwelt meist unsichtbar spielen sich in unserem Inneren eine Vielzahl von Bewegungen ab. Wir haben Gefühle und Gedanken, wir haben Werte und Haltungen, Bedürfnisse und Interessen. Die überwältigende Mehrheit dieser innerlich ablaufenden Prozesse, bis zu 90%, finden in älteren Gehirnteilen, dem Stammhirn und dem limbischen System, statt und verlaufen automatisch und unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle.

In diesem diffusen Gewusel von Sinneseindrücken und Empfindungen ist es leicht den Kontakt zu sich selbst zu verlieren. Gefragt, wie es uns geht, fällt den meisten von uns eine klare Antwort schwer. Stattdessen sagen wir „gut“. Aber menschliches Wachstum und psychologische Reife bedeuten, dass wir uns selbst immer besser kennen lernen, direkter mit unserem inneren Empfinden und unseren Wahrnehmungen in Kontakt sind, den Radius von Empfindungen erweitern und diese adäquat deuten können. Statt durch Filter zu sehen und anzunehmen, das dies die Welt da draußen ist, erkennen wir die Filter, durch die unsere Weltsicht erst entsteht. In Folge dieses Entwicklungsschrittes können wir mehr Komplexität im Außen wahrnehmen.

Die drei folgenden Visualisierungen zeigen die verschiedenen Möglichkeiten:

Links: (Geringe) äußere und innere Komplexität sind synchronisiert. Der Mensch nimmt seine Umgebung adäquat wahr.

Mitte: Die äußere Welt ist komplexer geworden, aber der Mensch kann diese nicht adäquat wahrnehmen.

Rechts: (Höhere) äußere und innere Komplexität sind wieder synchronisiert. Der Mensch nimmt seine neue Umgebung adäquat wahr.

Visualisierung: Florentin Aisslinger für Keks Ackerman, CC BY-NC 2.0

Kreativität und Innovation brauchen einen ausreichend großen Innenraum

Viele medizinische Studien mit EEGs und Neurofeedback haben gezeigt, dass nur ein stabiles, entspanntes Gehirn eine differenzierte Wahrnehmung der Innen- und Außenwelt erlaubt. Wenn ich keine Distanz zu meinem eigenen Empfinden habe, wenn ich meine Gedanken und Gefühle nicht klar wahrnehmen und benennen kann, bin ich grundsätzlich von Neuem, Unbekannten überwältigt. Mein Innenleben ist zu chaotisch und dicht, als das ich Strukturen und Muster erkennen könnte, die mich leiten und an denen ich mich orientieren kann. Jeder von uns kennt diesen Zustand; er taucht regelmäßig auf, wenn wir gestresst und ängstlich sind. Während Panikattacken ist der innere Raum sogar völlig ausgelastet und droht zu sprengen.

In solchen Zuständen können wir nicht kreativ sein, denn Kreativität braucht einen großen „search space“, aus dem Neues vorm inneren Auge auftauchen kann. Intuition ist kein rationaler Vorgang, sondern ein subtiles Einstimmen auf und Wahrnehmen von größeren Bewegungen in mir und der Welt.

Was bedeutet dies alles für eine zunehmend komplexe und bewegte Welt? Nun, um neue nicht-lineare Muster, Differenzierungen und Verbindungen wahrzunehmen brauchen Menschen einen inneren Wahrnehmungsraum, in dem sie sich selbst und die Welt klar sehen können. Dabei handelt es sich nicht nur um einen rationalen Prozess. Komplexität und Bewegung können vom Verstand nicht „verstanden“ werden. Stattdessen müssen wir mehr Wahrnehmungskanäle öffnen, um mehr Information aufzugreifen. Wir brauchen unseren Verstand, aber mehr noch müssen wir Signale mit unseren anderen Sinnen aufnehmen, mit unserem Körper und unsere Gefühle, die intuitiv auf Dinge, Menschen und Ideen reagieren.

Visualisierung: Florentin Aisslinger für Keks Ackerman, CC BY-NC 2.0

Um äußere Komplexität und Bewegung adäquat wahrzunehmen, bedarf es deshalb der Fähigkeit die Welt innerlich zu spüren und zu sehen.

Digitalisierung übt einen enormen Druck auf den menschlichen Organismus auf, mehr Informationen, mehr Komplexität und mehr Bewegung im Inneren zuzulassen und wahrzunehmen. Statt nur den Verstand, benötigen wir das erweiterte Wahrnehmungssensorium unseres Körpers und unserer Gefühle, denn „das Ganze“ kann nicht rational „verstanden“, sondern nur ganzheitlicher „gesehen“ werden.

Intuition wird somit zu einer zentralen Kompetenz für jeden, der komplexe Zusammenhänge durchdringen, verstehen und gestalten will. Diese ganzheitlicheren Wahrnehmungskompetenzen haben interessanterweise sehr konkrete historische Vorläufer. Vor einigen Monaten stolperte ich über das Buch The Patterning Instinct von Jeremy Lent. In ihm beschreibt der Autor zwei Strömungen innerhalb der west-östlichen Philosophie. Eine davon, die auf Platon fußende Weltsicht, verabsolutierte den rationalen Verstand und führte zur Aufklärung und modernen Naturwissenschaft. Die zweite, auf Aristoteles zurückführende Tradition, fokussierte sich auf breitere Wahrnehmungsfähigkeiten, die subtile Erkenntnisse und den Körper aktiv miteinbezogen. Sie führte eine Schattenexistenz, mit periodischen Blütezeiten beispielsweise während des chinesischen Neokonfuzianismus oder der europäischen Romantik. Doch im 20. Jahrhundert erfuhr diese alternative Tradition, welche die Welt als Ganzes sah, einen neuen Höhepunkt: Quantenphysik, Chaostheorie, Komplexitätswissenschaften und Systemtheorie versuchen die natürliche und menschengemachte Welt auf der Basis von nicht-linearen Muster, der Erforschung von Bewegungen und Verbindungen von Teilen, Prinzipien der Selbstorganisation und Emergenz zu verstehen. Es ist diese Tradition, an die wir im digitalen Zeitalter anknüpfen und sie aktiv kultivieren müssen.

Schattendynamiken reduzieren unsere Beweglichkeit

Nun erscheint es auf den ersten Blick unverständlich, wieso wir nicht innerlich flexibel auf unsere flexibilisierte Außenwelt reagieren können? Wenn wir selbst als menschliche Körper voller Bewegung sind, wieso fällt es uns dann überhaupt schwer die bewegte Außenwelt 1:1 zu spiegeln?

Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass wir im Zuge sowohl unserer kollektiven Geschichte als auch individuellen Sozialisation, viel von unserer ursprünglichen Beweglichkeit eingebüßt haben. In den letzten Jahren hat die psychologische Trauma-Forschung faszinierende Fortschritte gemacht und gezeigt, wie frühkindliche Bindungsstörungen, körperliche Züchtigungen oder sexueller Missbrauch, ebenso wie später auftretende Traumatisierungen durch Mobbing, Krieg oder häusliche Gewalt die gesunde Steuerung menschlicher Reaktionen nachhaltig stören und massiv einschränken können.

Um uns vor großen Verletzungen und Schmerz zu schützen haben wir ursprünglich bewegliche und sensible Teiler unserer Körperwahrnehmung und unserer Gefühle verhärtet und taub gemacht. Auf diese Weise müssen wir zwar Verwundungen und Schmerz nicht spüren, haben aber dafür an Beweglichkeit und Flexibilität eingebüßt. Trauma ist reduzierte Beweglichkeit. Wie sehr wir in einer verzerrten Welt leben, wird durch viele Beispiele deutlich: so gehen Psychologen davon aus, dass die durchschnittliche Dauer einer mittelgroßen Emotion (wie Scham, Wut oder Freude) gerade mal ein paar Sekunden dauert, um durch den Körper durchzugehen. Doch die meisten von uns halten Stunden, Tage, ja sogar Jahre an negativen Emotionen fest, grollen dem Kollegen, fühlen uns vom Partner beschämt etc..

Unsere reduzierte Wahrnehmungsfähigkeit zeigt sich aber auch dann, wenn wir eigentlich erschreckende Nachrichten aus der ganzen Welt empfangen — von Umweltkatastrophen, menschlichem Leid oder großer Ungerechtigkeit — diese jedoch uns nur selten wirklich tiefer berührt. Bewegungsreduzierte Schattenareale unserer Psyche sind im Körper eingefroren und stehen einer dynamischen Spiegelung der faktischen Realität im Wege.

Reduzierte Wahrnehmungs- und Adaptionsfähigkeit in Folge von Trauma. Visualisierung: Florentin Aisslinger für Keks Ackerman, CC BY-NC 2.0

Wenn meine Argumentation bis hierhin nachvollziehbar ist, stellt sich die Frage, was wir konkret tun können, um unseren Innenraum so zu öffnen, dass wir mehr Komplexität und Bewegung zulassen?

Die notwendigen inneren Kompetenzen lassen sich auf (mindestens) drei Ebenen verorten: dem Ich, dem Wir und dem System als Ganzen.

Ich-Kompetenzen: Selbstkontakt und Selbstreflexion stärken

Wie oben beschrieben können wir Menschen dabei helfen einen klareren Zugang zu ihren eigenen Empfindungen in den verschiedenen Bereichen — Körper, Gefühle, Verstand und Intuition — zu entwickeln.

Wir-Kompetenzen: Beziehungsfähigkeit, Empathie und Multiperspektivität fördern

Die Kompetenz sich auf andere Menschen zu beziehen ist die nächste Ebene. Dabei lernen Menschen ihre Gegenüber als eigenständige Wesen wahrzunehmen, statt die eigenen Befindlichkeiten auf sie zu projizieren. Sie können lernen mit den Gefühlen und Wahrnehmungen anderer mitzuschwingen (empathisch sein). Zugleich aber lassen sie sich nicht von der Perspektive anderer vereinnahmen, sondern sind in der Lage die verschiedenen Perspektiven, Weltsichten, Bedürfnissen und Interessen der Beteiligten einzuordnen (Multiperspektivität). Dabei ist es notwendig, zwischen höheren und niedrigeren Horizonten zu unterscheiden. Höhere Horizonte und Perspektiven sind solche, die mehr Komplexität und Bewegung zulassen. (Diese Unterscheidung geht Menschen, die wie ich in der Postmoderne sozialisiert wurden, oft gegen den Strich).

System-Kompetenzen: Das Ganze intuitiv wahrnehmen

Menschen können lernen immer größere Felder wahrzunehmen: von der eigenen Innenwelt und den engeren Ego-Interessen, über die der weiteren Gemeinschaft bis hin zu einer globozentrischen Sicht, bei der eine Beziehung zur gesamten Erde, mit allen organischen und anorganischen Wesen aufgebaut wird. Ich habe diese Form der intuitiven Wahrnehmung, die auch als sensing-thinking beschrieben wird, oben ausführlicher beschrieben. Oder wie Shakespeare in King Lear Gloucester sagen lässt:

„I see it feelingly“. Sie beinhaltet die Fähigkeit mehr Informationen über mehr Sinne als nur den Verstand aufzunehmen. Es ist die emotional-körperliche Fähigkeit „das System“ als Ganzes zu sehen.

Erst wenn wir alte Strukturen los lassen, können neue entstehen

Während der beschriebenen Entwicklungsreise verändert sich die Identität und Realität eines Menschen. Er löst alte innere Strukturen, die im Dialog mit einer „alten Welt“ entstanden sind, auf. Dies fühlt sich zunächst unsicher und gefährlich an. Doch nur wenn wir Altes loslassen, können neue Strukturen entstehen, die für die heutige Welt stimmiger sind. Es ist dieser Schritt auf den sich das viel verwendete und Einstein zugeschriebene Bonmot „Wir können unsere Probleme nicht mit der gleichen Denkweise lösen, die sie erschaffen hat“ bezieht.

Dass dies ein sehr mutiger Prozess ist, merken wir alleine schon daran, dass nur wenige Menschen ihn gehen. Mit sozialer Schicht oder Intelligenz hat das nichts zu tun: So sind die wenigsten Wissenschaftler bereit ihre einmal liebgewonnenen Glaubenssätze loszulassen und sich auf radikal andere Theorien einzulassen, auch wenn diese die untersuchten Phänomene besser erklären. Thomas Kuhn hat beschrieben, wie Paradigmenwechsel in der Wissenschaft nicht dadurch entstehen, dass bessere Theorien sich durch ihre eigene Überzeugungskraft durchsetzen. Stattdessen halten Forschen an liebgewonnenen Thesen fest und müssen sterben, eher das neue Paradigma mit einer neuen Generation von Wissenschaftlern Fuß fasst.

Manche Menschen gelingt es dennoch alte Strukturen abzulegen und neue aufzubauen. In diesem Prozess verändern sie Schritt für Schritt ihre Identität (wie sie sich selbst sehen) und ihre Weltsicht (wie sie Realität sehen). Damit dies gelingt müssen sie mutig ins Unbekannte gehen, im Vertrauen, dass etwas Neues sich zeigen wird.

Es ist genau diese Fähigkeit innere Strukturen aufzulösen/loszulassen und mit der unweigerlich auftretenden Unsicherheit und Ambivalenz zu leben, zugleich aber auch kompetent neue Strukturen aufbauen zu können, die im Zentrum der digitalen Denkweise liegt.

Innovationen, die in diesem Raum entstehen, unterscheiden sich grundlegend von denen, die aus den alten Strukturen heraus geboren werden. Sie sind im Austausch mit der komplexeren, beweglicheren Welt, statt das sie vorgefertigte Muster aus der Vergangenheit recyceln. Sie strahlen Intensität, Frische und Dynamik aus, statt den etwas schalen Geschmack des Bekannten. Sie sind inklusiver und bezogener, in dem sie mehr „Welt“ einbeziehen und damit mehr Verantwortung übernehmen als ihre Vorgänger, deren Erfolg weitgehend darauf basierte, dass sie Externalitäten wie Umweltschäden und soziale Ungleichheit, ausblendeten.

Die ganzheitlichen Innovationen sind sich zudem bewusst, dass sie ständig offen für weitere Bewegungen bleiben müssen. Statt statischen „Lösungen“, entwickeln sie sich ständig erneuernde Antworten, die sich dynamisch auf neue äußere Entwicklungen eingehen. Derartige Innovationen sind sich ihrer eigenen Schattendynamiken bewusst, d.h. sie hinterfragen sich dahingehend, welche Aspekte von Welt und Bewegung sie ausblenden und suchen nach Möglichkeiten diese zu inkludieren.

Derart verstanden erfordert „digital denken“ unser inneres menschliches Wahrnehmungsinstrumentarium zu erweitern. Um der neuen Komplexität und Verflüssigung der Welt begegnen zu können, statt von ihr überfordert und überwältigt zu sein und uns von einer kleinen Gruppe machtvoller Einzelpersonen, die auf dem Fahrersitz der digitalen Transformation sitzen die Zukunft bestimmen zu lassen, können wir als Menschen wachsen und reifen. Wir können uns selbst besser kennen und mutig alte, überkommene Strukturen hinter uns lassen. Statt durch Filter zu sehen und anzunehmen, das dies die Welt da draußen ist, lernen wir die Filter zu sehen, durch die unsere Weltsicht erst entsteht. Wir müssen uns darauf einstellen, mit mehr Unsicherheit zu leben. Aber wenn wir lernen die verflüssigte Welt zu navigieren, können wir eine Zukunft gestalten, die diesen Namen verdient.

Soweit notwendig habe ich die Rechte an den hier verwendeten Kunstwerken und Grafiken mit den Künstlern und Designern geklärt. Bei manchen handelt es sich um Auftragsarbeiten, die ich bezahlt habe. Andere haben mir die Rechte kostenlos übertragen, bzw. ich habe in Absprache mit den Produzenten eine kleine Spende auf ein betterplace Projekt entrichtet.

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joana breidenbach

anthropologist, author, social entrepreneur, co-founder of betterplace.org and betterplace lab, more recently New Work needs Inner Work