Einsichten und Erfahrungen aus dem einmonatigen Schweigeretreat
Den März verbrachte ich in einem Stille-Retreat in Südfrankreich. In dem Blogpost Abschied ins Schweigeretreat habe ich das Setting so skizziert:
Gemeinsam mit insgesamt 14 anderen Meditieren, alle aus dem Umfeld von Thomas Hübl, kommen wir in einem kleinen Weiler in Südfrankreich zusammen. Wir sind alles erfahrene Meditierende und werden während der Zeit auch regelmäßig online von Thomas betreut. Wir haben einen festen Tagesablauf von 7:30–21:00, bei dem Gehmeditationen sich mit 40, 60 und 90 minütigen Sitzmeditationen und Pausen für die Mahlzeiten ablösen.
Während des Retreats sprechen wir nicht und reduzieren auch unsere non-verbale Kommunikation auf ein Minimum. Zweimal wöchentlich ist jedoch eine Session geplant, in der wir uns darüber austauschen können, wie es uns gerade geht, ob wir von den anderen etwas brauchen etc.. Da bei solchen Retreats oft tiefe, sonst verdrängte Emotionen hochkommen, haben wir zusätzlich eine Gruppe von Therapeuten organisiert, die Teilnehmende im Notfall virtuell unterstützen können.
Seitdem ich wieder in Berlin bin, fragen mich viele Menschen: Und — wie war’s? Da für mich Schreiben immer auch Selbstreflexion ist, teile ich hier ein paar meiner Erfahrungen. Für alle, die nicht so lange lesen möchten, hier die Kurzform: Es war gut und ich möchte nächstes Jahr wieder einen Schweigemonat einlegen.
Die Hürde am Anfang
Als jemand, der seit vielen Jahren zweimal jährlich einwöchige Stilleretreats macht, startete ich ziemlich gedankenlos ins Retreat. Ja, der letzte Abend in Berlin, ein gemeinsames Essen mit meiner Familie, fühlte sich schon bedeutsam und wie ein richtiger Abschied an. Aber ich war dann doch überrascht, wieviel Ängste mit einem Mal in mir auftauchten, als mir gewahr wurde, dass ich jetzt wirklich einen Monat ganz in mich und die Gegenwart versinken würde. Vordergründig kamen Zweifel auf: War das wirklich eine gute Idee, mich während einer Zeit, wo die Weltpolitik Amok lief, ganz rauszuziehen? Darunter lag aber etwas Fundamentaleres: mit der Intention ein einmonatiges Schweigeretreat zu machen, öffnete ich das Tor für Teile des Bewusstseins, die sonst gut versteckt sind und signalisierte ihnen: kommt heraus, ihr Gefühle und Erkenntnisse. Euch, die ihr sonst wirksam von meinen Kompensationsmechanismen — Arbeit, Ablenkung, Routinen — in Schach gehalten werdet, gebe ich jetzt die Chance euch zu zeigen.
Intentionen
Jeder in unserer Gruppe hatte seine persönliche Intention mit ins Retreat gebracht. Meine war u.a. Raum zu machen für Erkenntnisse rund um meinen nahenden 60. Geburtstag. Ich wollte mir Zeit nehmen, mein Leben bis zu diesem Zeitpunkt zu reflektieren und zu überprüfen, ob es einer Kurskorrektur bedurfte und welche Akzente ich für die nächste(n) Dekade(n) setzen wollte. Als Gruppe hatten wir mit Thomas Hübl aber noch eine gemeinsame, zweifache Intention entwickelt: Wir wollten unseren Kontakt zur Erde und Natur in uns und um uns herum vertiefen und erforschen, wie sich uns das Göttliche zeigt. Denn „Gott“ zeigt sich nur indirekt, beispielsweise in Form von tiefen Einsichten und berührenden Erfahrungen von Gnade.
Als jemand, der den Gottesbegriff durch die Filter meiner Kultur und Sozialisation sieht — personalisierter Gott, weiser Mann mit grauem Bart, strafender Richter etc. — muss ich mir „Gott“ immer übersetzen. In einem früheren Retreat hatte Thomas Hübl, für mich sehr einleuchtend, Gott als dreifach wirkendes Prinzip beschrieben. Demnach ist das, was wir Gott nennen:
1. die Tatsache, dass aus Nichts Etwas geworden ist/wird
2. Schöpfung als kontinuierlicher gestalterischer Akt und
3. die Manifestation, der Körper der Welt.
Jede dieser Dimensionen geht mit unterschiedlichen kontemplativen Praktiken einher. Für einen ausgewogenen, zeitgemäßen und trauma-informierten spirituelle Weg gehören sie aber zusammen. Der Schritt von 1. Nothing to Something ist Kern der non-dualen Praxis und von Leere-Meditationen in der Tradition von Ramana Maharshi. Dem schöpferischen Prinzip können wir im Gebet und in der Transzendenz-Meditation begegnen und der manifesten Welt nähern wir uns, indem wir die Welt, genauso wie sie ist, anerkennen und uns vor ihr verneigen.
Gehmeditationen
Unser Tag begann morgens um 7 Uhr mit einer 50 minütigen Gehmeditation. Da ich meinen kleinen Hund Keks dabei hatte, machte ich zu diesem Zeitpunkt einen Rundgang entlang der Wiesen und Oliventerrassen rund um unseren sehr abgeschiedenen Weiler. Die Morgen waren wundervoll. Mit fortschreitender Stille erlebte ich die Natur so lebendig wie selten. Überall regt sich Leben, Vögel und Bäume, Flechten und Blumen, überbordend in ihrer Fülle. In dem Moment, wo sich der Stress in mir absenkt und ich innerlich ruhiger werde, kann ich mich viel direkter und unmittelbarer auf die Natur beziehen. Während normalerweise die vielen inneren und äußeren Bewegungen — meist unbewusst, weil so normal — meine Hauptaufmerksamkeit beanspruchen und gemanagt und ausbalanciert werden wollen, kann ich in der Stille meine Antennen nach außen ausstrecken und die Welt um mich herum viel intensiver spüren.
Erfahrung von Trennung und Verbindung
Diese morgendlichen Spaziergänge zeigten wir eindrucksvoll, wie sehr ich mich normalerweise von der Welt abschneide, mich trenne. Mein Bedürfnis mich und mein internes Chaos zu halten, zieht so viel Aufmerksamkeit, dass es den Kontakt zu anderen behindert. Zu anderen Menschen, aber auch zur “more than human world”. Wenn ich weniger Rechenleistung für mein internes Management brauche, bin ich mehr im Kontakt. Und bekomme viel mehr subtile Information mit. Die Filter, die Schleier, die mich sonst von der Umwelt trennen, werden dünner und meine Kontaktflächen in die Welt größer. Alles ist plötzlich viel intensiver. Ich sehe einzelne Bäume, Pflanzen, Tiere, Steine, Pfade wie zum ersten Mal, in viel höherer Auflösung und vor allem mit großer Ehrfurcht. Denn sie erscheinen mir als die Wunder, die sie wirklich sind.
Während dieser frühen Stunde — Keks läuft meist vorweg, verschwindet in den dichten Büschen, folgt Bächen und unzähligen olfaktorische Spuren, die seine Weltsicht dominieren, bleibt aber immer im Kontakt mit mir — habe ich in den vier Wochen eine Reihe von interessanten spontanen Erkenntnissen.
So wird mir eines Morgens sehr deutlich bewusst, dass es immer nur diesen einen gegenwärtigen Moment gibt, in dem Wirklichkeit geschöpft wird. Alles andere, vor allem Gedanken an die Vergangenheit oder Zukunft, sind zum großen Teil alt und abgestandene Ersatzteile der Realität. Sie entstehen meist nicht aus dem jeweiligen Moment, sondern sind Teil der karmischen Strukturen der Vergangenheit. Sie tun so, als seien sie aktuell, aber in Wirklichkeit sind sie Symptome, die Konsequenzen, Kollateralschäden unverarbeiteter Erfahrungen, die in mir als Kontraktionen, als Angstfelder etc. gespeichert sind. Diese toben sich in mir ständig aus. Wie Wasser aus einem Springbrunnen, schießt unverdaute Energie in Form von Gedanken, Gefühlen oder Körperwahrnehmungen in mein Bewusstsein.
Trauma-informierte Meditation
Thomas Hübl verfolgt in seiner Arbeit einen Trauma-informierten Ansatz. Das bedeutet, in seinen Gruppen und Teachings geht es immer auch darum, die kollektiven und individuellen Verletzungen sichtbar zu machen, die unser Leben, unsere Kultur und unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit mitbestimmen. Diese führen u.a. dazu, dass wir uns als getrennte, hyperindividualisierte Wesen empfinden, obwohl alles Leben objektiv hochgradig wechselseitig ineinander verwoben ist. Bezogen auf den „Springbrunnen“, den Strom an meist wirren und unaufhaltsamen Gedanken und Empfindungen, der mein Innenleben prägt, geht die Trauma-informierte Perspektiven davon aus, dass vieles von dem, was ich als „Jetzt“ „Ich“ und „Realität“ ansehe, altes, unverarbeitetes „Material“ ist, dass in mir “feststeckt”. Der Ursprung vieler Empfindungen und Gedanken sind Erfahrungen, die mich als Kind (bzw. im Fall transgenerationalem und kollektiven Trauma, schon die Generationen vor mir) überfordert und verletzt haben.
Diese sind abgespalten — ich bin mir ihrer nicht bewusst. Sie lassen sich aber auch nicht verdrängen, sondern begegnen mir in Form von Symptomen. Diese Symptome können so allgemein sein wie das eben beschriebene Gefühl der Getrenntheit und Fragmentierung. Sie können aber auch sehr konkret sein und sich beispielsweise als sorgenvolle Gedankenschleifen auf die Gesundheit der eigenen Familie beziehen. Diese nicht erlösten Schattenmuster rufen sich immer wieder in Erinnerung und tauchen in Form von zirkulären Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen auf. Sie können sich erst erlösen und integrieren, wenn sie bewusst gemacht und angenommen werden.
Meditationen — „einfach“ nur das beobachten, was auftaucht
In den Meditationen — wir sitzen über den ganzen Tag verteilt mehrmals 60, manchmal aber auch 90 Minuten — begegne ich diesen Mustern immer wieder. Meine Meditation besteht im Prinzip “nur” darin, möglichst bewusst drei Ebenen zu beobachten:
1. WAS in mir auftaucht — die Inhalte meines Bewusstseins
2. WIE ich auf diese Bewegungen schaue — die Filter, durch die ich Realität wahrnehme und diese dadurch forme
3. WER eigentlich schaut — die transpersonale Dimension, Bewusstsein an sich
Oft beginne ich die Meditation mit einer Fokusübung, beispielsweise einem langsamen Zählen bei der Ein- und Ausatmung. So zähle ich beim Einatmen von eins bis vier und beim langsameren Ausatmen von eins bis acht. Oder ich scanne meine körperlichen Empfindungen, meine Emotionen und meine mentale Verfassung, bevor ich mich dann auf meinen Energiekörper fokussiere. Dabei versuche ich meine Aufmerksamkeit möglichst offen und entspannt auf mein Köperenergiefeld zu richten, also die Wahrnehmung meines Körpers, wie er gerade sitzt oder geht. Die Konturen meines Körpers sind ja nicht scharf gezeichnet, sondern verschwimmen mit dem ihn umgebenden Raum. Das ist von Vorteil, da ich meinen Fokus nicht nur auf die Sinneswahrnehmungen meines Körpers richten und die Bewegungen registriere möchte, sondern in ein größeres Feld rein hören will, welches den Raum um mich mit einbezieht. Mit diesem Fokus sitze ich nur da und lausche. Natürlich verliere ich immer wieder den Fokus und richte ihn dann erneut aus. Manchmal Hunderte Male pro Stunde. Manchmal ist mein Fokus aber auch sehr fest und ich kann ihn über Stunden relativ gleichmäßig halten.
Innerhalb dieses Raumes beobachte ich die auftauchenden Gedanken — manchmal viele, manchmal wenige, die Gefühle oder auch meine eigene Taubheit. Manche Stunden ziehen sich eher zäh dahin. Andere vergehen im Flug, entweder, weil ich in einer zeitlosen Stille sitze oder weil ich auf meiner inneren Leinwand ein „großes Kino“ beobachten kann.
Zu Beginn eines Meditationsretreats ist mein Geist meist sehr aktiv. Doch mit der Zeit wird es oft etwas ruhiger und manchmal sogar sehr still. Dann kann ich wie unter einem Mikroskop beobachten, wie Körper und Geist interagieren. So kann ich beispielsweise sehen, dass es oft nicht meine sorgenvollen Gedanken sind, die eine körperliche Reaktion, beispielsweise Druck im Oberbauch oder Zittern erzeugen, sondern umgekehrt. Ich beobachte energetisch-körperliche Spannungen in mir, die sich unangenehm anfühlen und vor denen ich gerne fliehen möchte. Im nächsten Moment schießt mir ein sorgenvoller Gedanke durch den Kopf, oder ich frage mich, wie lange diese Meditationsstunde noch dauern wird.
In vielen Meditationen erlebe ich dieses „Ich will hier weg“. Mein gegenwärtiger Zustand, so wie sich mein SEIN gerade anfühlt, ist unangenehm und ich möchte eine andere Erfahrung machen. Diese Fluchtbewegung ist mir oft gar nicht bewusst. In einem weniger sensiblen Zustand würde ich auf die Frage, wie es mir gerade geht, wahrscheinlich mit „alles ok“ antworten. Doch in der subtilen Beobachtung wird mir immer deutlicher, wie viele meiner Aktivitäten eine Art Weglaufen sind.
Das Wesen der Realität
Während des Monats beschäftigten mich fast keine familiären oder beruflichen Themen, ungeachtet meiner persönlichen Intention mich mit dem Älterwerden zu beschäftigen. Statt dessen kreisten meine Tage um Wahrnehmung, Realitätskonstruktion, Identität und Bewusstsein. Um das, was man „the making of reality“ nennt. So konnte ich immer wieder sehr deutlich den Käfig aus Vergangenheit und Kontrolle sehen, in dem ich sitze und der meine Weltsicht prägt.
Das fühlte sich dann so an: ich sehe mich in meinem Energiekörperfeld sitzen und fühle eine deutliche Schicht von Taubheit. Ich sitze in einer engen, gelähmten, dumpfen Atmosphäre, die weder schmerzhaft noch dynamisch, sondern emotional eher neutral ist. Ich beobachte meine Gedanken, die sich wie eine Mauer anfühlen und endlosen Unsinn erzählen. So wiederholte ich dieses Mal innerlich stunden-, ja tagelang, das Kinderlied „Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit“ oder sagte unfreiwillig unendliche Zahlenketten auf. Innerhalb dieses Wiederholunsgzwangs schießen mir immer wieder bestimmte negative, angsterfüllte Gedankenfetzen durch den Kopf. Alles in mir fühlt sich fossil und abgestanden an. Das Interessanteste, das ich diesem Zustand abgewinnen kann, ist, dass er nicht weh tut und das er eine super gute Ausgangsbasis für Leistung und Produktivität ist. Denn der semi-taube Zustand ist erträglich, aber nicht so prickelnd, dass ich lange in ihm verweilen möchte. Also rette ich mich in die vielen äußeren Aufgaben, die das Leben so bietet und denen ich trotz weitgehender finanzieller Unabhängigkeit, nachgehe. Produkte entwickeln, Bücher und Blogposts schreiben, Meetings abhalten etc.
Diese semi-taube Schicht kann dann in einer nächsten Meditation von etwas ganz anderem abgelöst werden. Ich und die mich umgebende Welt fühlen sich jetzt frisch und lebendig, bedeutungsvoll und in sich wertvoll an. Manchmal ist diese Schicht voll sprudelnder Lebendigkeit, dann wieder eher sanft und still. In allen Fällen aber ist sie tief und drei-dimensional und es fällt mir schwer zu verstehen, wie ich vor einer Stunde noch so taub und dumpf sein konnte. Für mich fühlt es sich so an, als wenn ich in der dumpfen Meditation mit einer Schicht in Kontakt gekommen bin, die aus der Vergangenheit stammt, während die frische Meditation ganz aus dem gegenwärtigen Moment schöpft.
Einsichten
In Meditationen gibt es immer wieder überraschende Einsichten, Momente, an denen bestimmte Aspekte der Realität oder Erkenntnisse sehr prägnant in meinem Inneren auftauchen. In diesen Momenten macht es „klick“ und es scheint, als wenn sich bislang getrennte Aspekte von Bewusstsein miteinander verbinden. Ein größeres Bild, Muster, werden sichtbar. Aus „Zweisicht“ wird „Einsicht“.
Die Qualität dieser Einsichten ist sehr spezifisch: sie fühlen sich sehr “wahr” und viel realer als normale Gedanken an. So hatte ich an einem meiner morgendlichen Spaziergänge die Einsicht, das „Schnelligkeit tötet“, d.h. erst in der Langsamkeit offenbaren sich viele tiefere Strukturen und Qualitäten des Lebens. In diesem Moment konnte ich sehen, wie weitgehend mein Leben als „Speedy Gonzales“ von Stress dominiert wird, der mich ständig aus der Gegenwart in die Zukunft katapultiert, in die nächste Aktion, das nächste To Do. Mir war auch intuitiv klar, dass ich mich so viel mit Zukunft beschäftigen musste, da ich aus der Gegenwart flüchtete und Zeit als Konstrukt genau dadurch entsteht: als Auslagerung der Präsenz in ein „später“. In einer anderen langen Meditation hatte ich die unmittelbare, wundervolle Erkenntnis, dass Schöpfung in jedem Moment stattfindet und die Welt jeden Augenblick neu in mir erschaffen wird. Aber da ich in so viel Vergangenheit sitzen, ist mir diese Tatsache nur selten bewusst.
Einsichten wie diese tauchen meist punktuell auf, fühlen sich unheimlich wichtig und bedeutsam an, zerfallen dann aber auch wieder und sind vor allem schwer an andere vermittelbar, die nicht diese Erfahrung gemacht haben.
Zu manchen Zeiten war mein Herz während einer Meditation, aber auch zwischen diesen, so weit und still, dass die Welt mir ganz filigran und heilig erschien. Meine Sinne waren enorm geschärft und zugleich verspürte ich eine große innere Ruhe. Ein wunderbarer Zustand, der manchmal so stark war, dass ich weinen musste. So wurde mir in einer Meditation deutlich, was für ein Wunder wir Menschen sind und wie beschenkt ich bin, alleine dadurch, dass ich auf der Welt bin. Der tiefe meditative Zustand kann aber auch ganz sanft und zart sein. Dann fühle ich, dass ich Teil einer lebendigen, vielfältigen Welt bin und es braucht nichts weiteres als mich hier als fühlendes Wesen und die Welt um mich herum, die ich auch nicht groß manipulieren oder bearbeiten muss. Einfache Handreichungen sind sehr befriedigend — mein tägliches Brotbacken, das Vorbereiten der Kamine für den Abend, das Abspülen des Geschirrs.
In diesen Momenten weiss ich: Diese Sille ist immer da. Sie ist eine Frequenz von Bewusstsein. Aber sie geht im Lärm der Welt unter. In den vielen Bewegungen, Einflüssen, Aufmerksamkeit erhaschenden Signalen, die alle eine gröbere Frequenz haben und den feinen Tönen keine Chance geben. In diesen Augenblicken erreicht mich auch die überraschende Erkenntnis, dass die Welt, genau so wie sie gerade ist, gut ist. Einfach weil sie so ist, wie sie ist.
Dharma Talks
In der letzten Meditation des Tages hörten wir regelmäßig Dharma Talks aus früheren Retreats mit Thomas Hübl. Wir hatten einige 15–30minütige Aufnahmen im Vorfeld identifiziert, in denen Thomas insbesondere über Meditation spricht. In dem offenen, stilleren Zustand, in dem viele von uns während des Monats waren, konnten wir diesen Teachings besonders konzentriert zuhören. In einem ging es um die Tatsache, dass wir „geschöpfte Wesen“ sind. Während ich sonst über diesen Ausdruck wahrscheinlich hinweg gehört hätte, beschäftigte er mich jetzt tagelang. Was genau war damit gemeint? Ich konnte in mir die Spannung wahrnehmen, die die Aussage in mir erzeugte. Denn ich empfinde mich so sehr als meine eigene Person, mit der ihr eigenen Handlungsfähigkeit, das mich die Tatsache, dass ich in die Welt „geworfen“ wurde und diese Inkarnation Teil des universellen Schöpfungsprozesses ist, zuerst mal total befremdet. Worin besteht meine Agency und meine Aufgabe in diesem Szenario? Ich lande bei der „Antwortfähigkeit“, meiner Response-ability. Wenn ich mich schon nicht selbst geschaffen habe und auch sonst meine Möglichkeiten, das Leben zu kontrollieren, gering sind, geht es darum möglichst fähig zu sein, mit dem, was kommt, umzugehen. Eine adäquate Beziehung zur Welt zu finden und Welt co-kreativ zu gestalten. Die “bessere Welt”, für die ich mich einsetze, ist demnach nicht, dass sich andere verändern und ich eines Tages in einer pro-sozialen, gerechteren Welt aufwache, sondern dass meine eigene Liebesfähigkeit so groß ist, dass ich die Welt, so wie sie ist, umarme.
Und nachts arbeitet es weiter
Die Nächte in Meditationsretreats sind für mich oft sehr ergiebig. Auch dieses Mal träumte ich viel, wachte dann auf, träumte gelegentlich luzide weiter oder lag wach und lauschte der Atmosphäre und möglichen Botschaften meiner Träume. Die Handlungen waren ziemlich banal, die Effekte mitunter groß. In einem Traum beispielsweise diskutiere ich mit jemanden über eine bevorstehende Reise nach Indien. Ich höre, wie ich meinem Gegenüber, auf die Frage, ob ich schon mal in Indien war, antworte: „Oh, ja, da war ich schon oft“ und dann noch hinzufüge „normalerweise fahre ich da aber mit meiner Familie hin“. Während ich dies auspreche, wird mir bewusst, wie diese beiden Sätze nicht “unschuldig”, sondern Teil meiner Persönlichkeitsbildung sind. Ich signalisiere damit meinen Kosmopolitismus, ebenso wie die Tatsache, dass ich nicht (bedauernswerter?!) Single bin, sondern einen Partner und Kinder habe. Deutlich sehe ich, mit welchen Bausteinen ich meine Identität aufgebaut habe, um mich psychologisch zu stabilisieren. Wie viel ich zu meinem Sein hinzufüge, meine Persönlichkeit aufblase, um Jemand zu sein.
In einer anderen Nacht bemerke ich, wieviel Druck ich mir auch während des Retreats mache. In einem unserer Sharings, unserer Austauschrunden, berichten einige meiner Mit-Meditierer von ihren tiefen Stille-Erfahrungen. Zum gleichen Zeitpunkt habe ich nur oberflächliche Meditationen. Abends merke ich, wie wütend ich darüber bin, dass ich gerade so wenig fühle, das bei mir so wenig los ist. Beim Einschlafen lasse ich mich tief auf diese Wut ein. Mitten in der Nacht werde ich von einer energetischen Entladung geweckt. Mein ganzer Körper fühlt sich lebendig und wach an und ich beobachte in Folge stundenlang dieses extrem angenehme präsente Gefühl. Plötzlich ist wieder alles im Fluß.
Sharings innerhalb der Gruppe
Auch wenn wir nicht miteinander sprechen, sondern nur gelegentlich schriftlich über kleine Zettel miteinander kommunizieren, tauschen wir uns an zwei Abenden pro Woche aus. So wissen wir, wer gerade an was „arbeitet“, wer Unterstützung braucht, teilen Erfahrungen. Diese Runden, in denen nicht „diskutiert“ wird, sondern in der jeder vielmehr die Gelegenheit hat, in eigenem Tempo das zu teilen, was gerade wichtig und relevant erscheint, sind sehr wertvoll. Zum einen inspiriert es mich von anderen zu hören, wie genau sie meditieren, welchen Schwierigkeiten sie begegnen, welche Erfahrungen zu machen. Oft stoßen diese Sharings aber auch unbewusst Prozesse an, von denen ich immer wieder überrascht bin.
Der Prozess kommt mir wie ein Flipperspiel vor, bei dem ein Ball ins Rollen gebracht wird und man nie weiß, welche Kreise er ziehen und welche weiteren Bewegungen er anstoßen wird. So kam es beispielsweise einmal vor, dass ich durch ein Sharing, in dem viel Scham zu spüren war, so berührt wurde, dass es einen tiefen Prozess in mir auslöste. Ich war ganz ergriffen von der Schönheit der Nacktheit und ungeschminkten Ehrlichkeit. Das, was der Meditierende ausdrückte, war eher ungelenk und unter anderen Umständen hätte ich mich davon vielleicht innerlich eher abgewendet. Doch in diesem Setting erreichte mich das Ringen und ich konnte den Rohdiamanten sehen, der hinter diesem Menschen (und all unseren Kompensationsmechanismen) steckte. Jemand, den ich bislang nur oberflächlich kannte, berührte mich so tief, dass ich Zugang zu meinen eigenen Schichten von Scham und Verdecken bekam. In der gleichen Nacht hatte ich einen Traum, in dem ich sehen konnte, wie viel ich zu meiner Essenz als Mensch hinzufüge und wieviel Freiheit darin steckt, so nackt wie möglich zu sein und nichts hinzufügen zu müssen.
Ich meditiere oder Ich werde meditiert ? The Flip
In einem unserer Zoom-Calls mit Thomas Hübl, bei dem wir ihm Fragen rund um unsere Retreaterfahrung stellen, erwähnte er, dass wir eigentlich nicht selbst meditieren, sondern „meditiert werden“. Das bezieht sich auf die mystische Erkenntnis, dass Bewusstsein fundamental ist und „ich“ nur eine temporär, lokalisierte, verkörperte Struktur darin bin. Diese Sicht widerspricht den herrschenden Annahmen der Naturwissenschaften, demnach Bewusstsein ein Epiphänomen von komplexen neuronalen Vorgängen ist, also sekundär, ab einer bestimmten Stufe des Lebens entsteht.
Eine Alternative dazu, von den meisten Weisheitstraditionen vertreten und von Jeffrey Kripal in The Flip sehr gut beschrieben, geht davon aus, das das gesamte Universum aus Bewusstsein besteht und unsere eigenen, scheinbar privaten Bewusstseine winzige Querschnitte dieser umfassenden „Substanz“ sind. In den letzten 10–15 Jahren wird diese Perspektive, in vielen Varianten und unter Bezeichnungen wie Pantheismus oder Panentheismus, auch immer mehr in den Wissenschaften diskutiert, z.B. in Forschungsprojekten von Philip Goff oder der Dokumentation Lights On von Annaka Harris. Mich fasziniert total, wie diese verschiedenen Perspektiven, die naturwissenschaftliche Sicht auf die Entstehung von Materie und Leben und das mystische Verständnis auf Schöpfung zusammenhängen.
Wenn Thomas also sagt, dass nicht wir meditieren, sondern wir meditiert werden, dann drückt er diesen „Flip“ aus. Den Moment, in dem uns bewusst wird, dass unsere Identifikation mit uns als Person, beispielsweise als „Joana“, nur eine Kontraktion im Bewusstsein ist und das es eine unsterbliche Dimension unserer Wahrnehmung gibt, in der wir Bewusstsein SIND. Auf diese Ebene zielen Weisheitslehrer ab, wenn sie ihre SchülerInnen instruieren, sich nicht nur der Inhalte der Wahrnehmung bewusst zu werden, sondern der Filter (der Kontraktionen) durch die sie schauen und sich dann in einem weiteren Schritt zu fragen: Wer schaut“? Wer ist Zeuge all der Inhalte? Denn wenn ich etwas beobachten kann, dann kann dieser Aspekt des Ichs nicht mit der beobachten Bewegung identisch sein.
In unserer Meditationspraxis zielen wir u.a. darauf ab, uns unserer Identifikationen und Filter immer bewusster zu werden, so dass wir sie transzendieren und sich unser Wahrnehmungsschwerpunkt von der persönlichen Identität immer mehr auf das Sein, das Zeugenbewusstsein, das „reine Bewusstsein“ verlagert. In der Vergangenheit hatte ich immer wieder kurze Momente gehabt, in denen ich eine Ahnung von dieser Verschiebung bekam. In denen das, was ich normalerweise als „Vordergrund“ meiner Weltwahrnehmung ansah, zum Hintergrund wurde und statt dessen der Hintergrund nach vorne rückte — The Flip.
Das Retreat war schon zu Ende und ich war mit zwei Freunden, dem Verwalter unseres Weilers, in dem das Retreat stattgefunden hatte, sowie einer Freundin, die während des Monats phantastisch für uns gekocht hatte (eine Fotogalerie einiger Gerichte findet ihr auf unserer Instagram Seite), in unser Stammlokal gegangen, als meine Selbstwahrnehmung sich drehte: ich konnte mich spontan mit dem Aspekt meines Selbst verbinden, von dem es sich anfühlte, als sei er der Urgrund meines Seins und welches Weisheitslehren zufolge das Bewusstsein ist, aus dem alle Schöpfung entspringt. Gleichzeitig sah ich auch deutlicher als zuvor, wie stark ich mich mit meiner Persönlichkeit und meinen Filtern identifiziere. Mir war, als könnte ich „the content of experience“ von dem „context of experience“ unterscheiden. Statt den Film zu sehen, sah ich die Leinwand, auf die er projiziert wird. In diesem Zusammenhang hatte ich auch eine ganz andere Perspektive auf den Tod. Er erschien mir nicht mehr so monströs, unfassbar und beängstigend, sondern als ein Übergang, an dem der Teil von mir, mit dem ich mich momentan am meisten identifiziere, stirbt, zugleich aber der Anteil an mir, der Leben überhaupt erst möglich macht, unbetroffen ist. Mich berührte sehr, diesen Hintergrund wenigstens ansatzweise, sehen zu können.
In diesem Moment — und es war ein Moment, der sich über große Teile der Nacht hinzog — konnte ich ahnen, wie alle Formen im Bewusstsein entstehen, eben auch meine Inkarnation mit ihrer spezifischen Persönlichkeitsstruktur, und wie diese Formen dann wieder zerfallen. Was vorher und nachher ist — ist Bewusstsein. Mit diesem unsterblichen Bewustseinsaspekt in Kontakt zu sein, war toll. Es war wie bei einem Vexierbild, auf dem ich Realität anders sehen konnte. Das Bild war genau das gleiche, aber was ich jeweils als Hintergrund und was als Vordergrund sah, hatte sich verschoben.
Dabei war mir auch klar, wie schwer ich loslassen kann, wie sehr ich mit meiner Persönlichkeit identifiziert bin. Aber jetzt hatte ich einen weiteren Geschmack von diesem Zustand und konnte ihn als Orientierung für meine Forschungen nutzen.
Zugleich merkt ihr vielleicht, dass ich diese Erfahrung vorsichtig beschreibe. Viele der Einsichten dieses Retreats bilden sich in der Sprache ab, die ich aus dem Tao Te King, aus meiner Beschäftigung mit Non-Dualität (z.B. Rupert Spira), aus den Wissenschaften (z.B. Donald Hoffmann) und vor allem von Thomas Hübl kannte. Ich bin mir sehr bewusst, dass man die rohen Sinneswahrnehmungen auch ganz anders interpretieren kann. Unsere Erfahrungen werden von den uns zur Verfügung stehenden kognitiven Strukturen und Konzepten maßgeblich mit geprägt. Jede Aussage ist demnach nur eine Annäherung, eine Perspektive unter vielen anderen, die versuchen Wirklichkeit abzubilden und unseren Erfahrungen einen Sinn zu geben.
Nach einem solchen Retreat ist die Versuchung groß, die expansive Ausgeglichenheit und tiefe Ruhe in den „Alltag“ hinüber zu retten. Hier ist Thomas Hübls Sicht wieder sehr erfrischend: es gilt nichts zu konservieren, denn der Weg ist genau damit zu sein, was ist. Und wenn es wieder der Trubel des Alltags ist, dann ist es halt der. Mir allerdings erscheint es, als wenn ich in der Woche seit Retreatende noch immer mit der subtilen transpersonalen Schicht in Kontakt bin und von dieser tieferen Ruhe aus eine etwas größere Freiheit habe, Dinge anders zu machen als zuvor.
Eines ist aber schon jetzt sicher. Alle, die wir diese Zeit gemeinsam in Stille verbracht haben, haben große Lust nächstes Jahr wieder zu sitzen und weiter auch daran zu forschen, wie eine zeitgemäße, Trauma-informierte monastische Praxis aussehen kann.
